Auch Umwege führen zum Ziel
Text/Fotos: Peter Belart
Heute wandern wir ungefähr drei Stunden lang; danach stehen wir wieder exakt am gleichen Ort, wo wir gestartet sind. Oder etwa doch nicht? – Jeder Weg, den wir im Leben beschreiten, bringt uns weiter, gewährt neue Einsichten, eröffnet weitere Horizonte. Wir werden nicht mehr dieselben sein, wenn wir ans Ziel kommen. Also, lass uns gehen!
Den Weg zu unserem Ausgangspunkt legen wir mit dem Auto zurück. Von Oberflachs im Schenkenbergertal aus folgen wir dem gelben Wegweiser Richtung Gisliflue bis zum kleinen Parkplatz bei der so genannten „Teehütte“ der Naturfreunde-Sektion Lenzburg. Hier beginnt unsere Wanderung.
An diesem Sonntag ist einiges los bei der Teehütte. Viele Menschen haben sich eingefunden, um hier eine Zeitlang zu verweilen, etwas zu sich zu nehmen oder einfach den eigenen Wärmespeicher für die kühlere Jahreszeit noch einmal anzureichern. Es ist auch wirklich ein unglaublich schöner Tag. Immer wieder begegnen uns unterwegs kleinere Wander- oder Bikergruppen; Familien lagern bei einem der Picknickplätze, Kinder spielen im Wald, und alle grüssen freundlich und sind gar für einen kleinen Schwatz zu haben. Sonntag ists, im umfassenden Sinn des Wortes!
Eine reizvolle Landschaft
Wir folgen dem gelb angezeichneten Wanderweg westwärts, Richtung Staffelegg. Fast durchwegs haben wir auf unserer Linken den Waldrand. Nach rechts öffnet sich der Blick ins Schenkenbergertal. Eine kleinräumig gegliederte Landschaft mit Rebbergen, Äckern, Weiden und Wiesen, vor allem auch mit ausgedehnten Waldungen, welche die Eigenheiten der Landschaft betonen: markante Höhenzüge bedecken sie ebenso wie zum Teil tief eingeschnittene Bachläufe. Geländestrukturen werden verständlich, erlebbar.
Vereinzelt ein Bauernhof, im übrigen bewegen wir uns aber abseits der Siedlungen. Die Sonne bescheint die Grasmahden, die sorgfältig gepflügten Äcker. Beides erweckt den Eindruck einer Schraffur, wie übrigens auch – zu jeder Jahreszeit! – die Rebberge am gegenüberliegenden Hang. Schon bald rückt die Ruine Schenkenberg ins Blickfeld. In jüngster Zeit hat man den Wald dort ausgelichtet, und nun ist die grosse Anlage besser erkennbar. Die Dimensionen sind imposant, das Bauwerk ist auch im verfallenen Zustand beeindruckend. Was mag sich dort alles abgespielt haben? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Beim Wandern hat man so wunderbar Zeit, sich in seiner Gedankenwelt treiben zu lassen, angeregt durch grosse Ruinen oder durch ferne Wolken oder durch feine Geräusche oder durch den Rhythmus des eigenen Schritts.

- Impressionen vom Weg
Tierisches
Der Weg ist sehr gut gekennzeichnet; man kann ihn nicht verfehlen. Der Nordhang dieses Jurahöhenzugs ist üblicherweise nicht so sehr begangen. Besonders in der zweiten Nachmittagshälfte ist man hier meistens allein. Das wissen auch die Tiere. Wer leise auftreten kann, trifft in der Dämmerung mit recht grosser Wahrscheinlichkeit auf Rehe, auf einen Fuchs oder auch mal auf einen Hasen. Selbst Dachse zeigen sich hier gelegentlich, auch Gämsen, und zweimal schon stand ich nach Einbruch der Dunkelheit einem Waschbär gegenüber. Geschichten bilden sich wie von selbst. Wie gesagt: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Dann verlässt unser Weg den Waldrand und strebt dem Fahrsträsschen zu, das die Staffelegg über den Weiler Rischele mit Thalheim verbindet. Ein paar hundert Meter Asphalt – zwar hart und unnachgiebig, ist er doch so beschaffen, dass wir leicht und schnell vorwärts kommen. Kurz vor dem grossen Parkplatz auf der Staffelegg-Höhe zweigen wir – wieder einem Wanderwegweiser folgend – nach links ab Richtung Hombergegg. Der Aufstieg ist kurz, aber recht steil. Auf der Höhe angekommen, sind wir mitten im Wald; punkto Aussicht ist gar nichts zu wollen. Auch nicht schlimm: So bleibt der Blick im Nahen, in der unmittelbaren Umgebung. Und die ist wahrhaftig ebenso bemerkenswert. Die steil aufgestellten Gesteinsplatten lassen die Schichtung des geologischen Untergrundes erkennen. Es ist ein abenteuerliches Schreiten auf den steinigen Abschnitten, die abgelöst werden von wunderbar weichem Waldboden, der dank einem Blätterteppich das Gehen zusätzlich beschwingt und zu einem Genuss werden lässt. Warum nicht mal die Schuhe und die Socken ausziehen, und die Sinnlichkeit einer Barfusswanderung erleben?

- Skulpturenweg
Loch- und Grenzsteine
Wer die Augen auf den Boden richtet, findet auf diesem Weg da und dort einen der merkwürdigen „Lochsteine“. Das sind kleinere und grössere Kalkstein-Stücke, die von kreisrunden Löchern buchstäblich durchbohrt sind. Niemand konnte mir bisher wirklich nachvollziehbar erklären, wie diese Löcher entstanden sind. Oder trifft es wohl tatsächlich zu, dass gewisse Schneckenarten einen kalklösenden Schleim absondern, das Gestein damit aufweichen und zersetzen, um in den so entstandenen Löchern Schutz zu suchen? Eben: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Ein halbes Dutzend Grenzsteine sind hier vor langer Zeit gesetzt worden. Wer mag sie nur heraufgeschleppt haben? Und wie hat er das angestellt? Wie die Steine in den Untergrund eingepflanzt und wie fixiert? Einem Grenzstein in seltener Dreiecksform begegnen wir beim Gatter, einem Sattel, der die Hombergegg mit der Gisliflue verbindet. Der Weg ist ungewöhnlich breit, aber sehr steinig. Vorsicht: Wagemutige Biker sind hier keine Seltenheit. Noch ein letzter ruppiger Anstieg, dann stehen wir auf einem der schönsten Aussichtspunkte des Aargaus, auf der Gisliflue.

- Impressionen vom Weg
Aussicht: leider nein – aber Einsichten
Leider ist der Dunst heute so dicht, dass die Sicht trotz des sonst prächtigen Wetters beschränkt ist. Nach Norden lässt sich einiges erkennen, doch südwärts ist schon der Hallwilersee kaum noch auszumachen. Na, dann riskieren wir halt nochmals den einen oder andern Schwatz. Menschen hat es genug hier oben; man trifft fast bei jedem Wetter und an jedem Wochentag jemanden an, und die Freude über die eigene Leistung und über die Schönheit der Natur löst die Zungen. Für die ganz speziellen Geschichten bietet sich ein Blick ins Gipfelbuch an, das in der Triangulationspyramide in einer Gamelle vor Wind und Wetter geschützt für Einträge bereit steht. Der Stolz auf sportliche Leistungen lässt sich daraus lesen, die Bewunderung für die Natur, Nachdenklichkeit, Religiosität – und da und dort ein Hinweis auf eine Liebesgeschichte. Noch einmal: Der Fantasie …
Der Abstieg zurück zum Auto nimmt nur noch eine gute Viertelstunde in Anspruch. Unterwegs tauchen merkwürdige Figuren auf; wir befinden uns auf dem Skulpturenweg. Die Mehrheit davon wurde hier im Tal geschaffen, und jetzt stehen sie am Wegrand, im Wald, und sie werden ganz langsam zu einem Teil von ihm.
Man könnte die Gisliflue viel direkter, in viel kürzerer Zeit besteigen. Doch manchmal birgt ein Umweg seine ganz eigenen Reize. Und manchmal schadet es nichts, wenn man ein Ziel nicht sogleich erreicht, sondern es sich mit einem Umweg regelrecht verdienen muss.
Schön, dass du mich begleitet hast. Ich danke dir. Wollen wir in der Teehütte noch etwas trinken?




