Mit den Augen des Touristen
Text/Fotos: Peter Belart
Der Fotoapparat ist zum unverzichtbaren Utensil einer jeden Ferienreise geworden. Was uns als etwas Besonderes erscheint, bannen wir ins Bild, seien es nun Naturschönheiten oder Zeugnisse menschlicher Tätigkeit. - Eigentlich könnten wir dasselbe ja auch bei uns tun, in unserer engsten Heimat, bei einem unserer Spaziergänge: Das Auge schärfen, um das Wunder im Unscheinbaren wahrzunehmen, auf dem Weg von Kaiserstuhl nach Bad Zurzach.
Es müssen ja nicht die Niagarafälle sein, nicht die Geysire des Yellowstone-Nationalparks; es muss kein indischer Tiger und keine afrikanische Elefantenherde sein. Wenn wir uns fragen: Was würde ein asiatischer oder afrikanischer Tourist bei uns fotografieren? Was würde ihm als abbildungswürdig erscheinen? –, dann werden sich uns die vielen kleinen Schönheiten förmlich aufdrängen. Lass es uns versuchen!
Wir beginnen unsere Tour heute in Kaiserstuhl, ganz im Nordosten unseres Kantons. Ein winziges Städtchen, sowohl flächenmässig als auch in Bezug auf die Einwohnerzahl. Es mag wenig bedeutend sein, aber beim Gang durch die kleine, recht steil gegen den Rhein abfallende Altstadt begegnen uns malerische Ecken auf Schritt und Tritt: ein schöner Torbogen, ein liebevoll gestaltetes Gärtchen, ein altes steinernes Wappen, eine merkwürdige Hausbezeichnung, ein unerwarteter Durchblick – Du brauchst kein geübter Fotograf zu sein, um Dutzende von Sujets aufzuspüren, vorausgesetzt, du nimmst dir genügend Zeit. Ungünstig ist das Licht auch an diesem gedämpften Tag nicht. Es entsteht im Gegenteil eine seltsam eindringliche Stimmung.

- Impressionen aus Kaiserstuhl
Am Rhein unten angekommen, bleiben wir einen Moment bei der Brücke stehen, die nach Deutschland hinüber führt. In vornapoleonischer Zeit gehörte das ganze Gelände dort drüben noch zu Kaiserstuhl, samt dem imposanten Schloss Röteln am jenseitigen Ufer. Wie einträchtig die Zollbeamten der beiden Staaten beisammen stehn! Ein symbolträchtiger Anblick: vieles ist in den letzten paar Jahrzehnten doch besser geworden. Wir sind zusammengerückt.
Der überaus angenehm und reizvoll angelegte Fussweg wird uns über Rümikon, Mellikon und Rekingen bis nach Bad Zurzach führen, insgesamt etwa 12 Kilometer weit. Wenns knapp werden sollte, können wir an jedem Ort abbrechen und den Zug besteigen. Anderseits lässt sich der Weg auch bis nach Koblenz fortsetzen. Aber dann müssten wir tüchtig ausschreiten, und dabei entgingen uns wohl viele Schönheiten, viele Foto-Sujets.

- Zeuge einer düsteren Vergangenheit: Einer der vielen Betonbunker, die im Zweiten Weltkrieg dem Rhein entlang errichtet wurden. Dieser befindet sich bei der Einmündung des Fisibachs.
Trutzbauten
Noch vor Rümikon treffen wir auf das Mündungsgebiet des Fisibachs. Die Verlockung ist gross, schon hier zu verweilen, denn mit dem seichten Bach und dem ganzen Feuchtbiotop bietet sich der Linse ein Mikrokosmos von grossem Reiz. Dazu die geschichtliche Dimension des Ortes: Auf einer winzigen, dem Rheinufer vorgelagerten Insel weist ein bulliger Betonbunker in die Zeit, als hier Soldaten im Zweiten Weltkrieg wachten, zagten, trotzten, lebten. Was mag ihnen durch den Kopf gegangen sein? Hatten sie bei aller Wachsamkeit auch ein Auge für die stimmungsvolle Umgebung? Nutzten sie gar ein paar freie Minuten zum Bade? Kam einer von ihnen jemals zurück an diesen Ort, mit Rucksack und Fotoapparat diesmal, statt dem Tornister und der geladenen Waffe, friedfertig-entspannt statt einsatzbereit-alert? Schau hinüber! Die armen Teufel, die diese paar hundert Meter weiter nördlich aufwuchsen, mussten damals in die Hölle von Stalingrad oder weiss Gott wohin marschieren, um dort ihr Leben elendiglich und nutz- und ehrlos zu verschleudern, während wir hier vor solch menschenverachtendem Unsinn verschont blieben, zum Glück!
Merkwürdigerweise stand hier schon lange vor dem Bunker ein Schloss, die Schwarzwasserstelz, ebenfalls ein Symbol der Wehrhaftigkeit. Längst ist sie verschwunden. Und Hunderte Jahre früher befand sich unweit dieser Stelle eine römische Warte, ein Wachturm, von dem aus die Legionäre ebenfalls über den Rhein starrten, aufgeschreckt durch unbekannte Geräusche oder unerklärliche Lichteffekte. Wie viel Angst offenbaren doch alle diese Zeitzeugen!
Einige dieser Bunker wurden an Private verkauft. Wir treffen auf ein solches Besitzerpaar, das es sich durchaus gemütlich eingerichtet hat, Beton hin oder her. Immer und immer wieder kommen sie zu ihrem Bunker übernachten hier, nicht selten unter freiem Himmel, und sie erzählen von vielen Tierbeobachtungen, die ihnen schon gelungen sind. Wildschweine haben sie entdeckt, Biber, Ringelnattern, Bisamratten und viele mehr. Und rhythmisch in die Natur eingepasst haben sie kleine Kunstwerke, meist aus Naturmaterialien, gestellt. «Darf ich Sie in dieser spannenden Umgebung fotografieren?» – «Aber ja doch, gewiss! Und bitte trinken Sie einen Kaffee mit uns.»

- Schwanennest mit Gelege
Das Gesicht der einzelnen Uferabschnitte wandelt sich andauernd. Mal gehen wir einem vorgelagerten Schilfgürtel entlang, mal beschreiten wir einen etwas breiteren Feldweg. Ein Tennisplatz, ein Bootssteg, wieder ein Bunker, Nagelfluh-Brocken, einige umgestürzte Bäume, die erfreulicherweise sich selbst überlassen bleiben. Und überall Tierspuren. Der Biber ist hier ungemein fleissig. Er hat recht dicke Uferbäume gefällt, doch auch das Unterholz verschmäht er offensichtlich nicht. Und einige mächtige Buchen hat er einfach ihrer Rinde beraubt. Dort ist ein Schwanennest; drei Eier lassen sich ausmachen. Das Schwanenpaar ist mit Futtersuche im Schilf und im sandigen Flussgrund beschäftigt. Es nimmt uns kaum wahr. Am Stamm einer Esche entdecken wir einen prächtigen, frisch geschlüpften Schmetterling, einen Pappelspanner. Und beim Kraftwerk Rekingen ruhen einige Gänsesäger, entspannt und doch aufmerksam. – Immer wieder Fotosujets!
Der Eindrücke sind so viele, dass wir uns schier unbemerkt dem Siedlungsgebiet von Bad Zurzach genähert haben. Ein goldgelber Wanderwegweiser zeigt zum kleinen Hügel gleich hinter der Zollstelle, dem Kirchlibuck. Es lohnt sich unbedingt, hier einen Augenblick zu verweilen. Die Fundamente des römischen Kastells regen die Gedanken neuerdings an, und die strahlend weiss gestrichene Kapelle verleiht dem Platz eine gewiss beabsichtigte Gewichtung. Zudem haben wir von hier aus eine schöne Aussicht auf die Brücke mit dem Grenzübergang nach Rheinheim.

- Bad Zurzach
Und nun? Weiter nach Koblenz? – Nein, für heute waren es genug der Eindrücke. Ich schlage dir stattdessen einen Besuch im Thermalbad vor. Die Sprudeldüsen und die Wärme des Wassers sind die reinste Wohltat, ein äusserst sinnliches Erlebnis. Danach reisen wir in wenigen Minuten mit der Eisenbahn nach Kaiserstuhl zurück, wo wir das Auto auf dem grossen Parkplatz abgestellt haben. Und nun freue ich mich darauf, die Fotos zu betrachten und dabei die ganze Reise ein zweites Mal zu erleben!






