Die Aare lebt
Ja, ich weiss: Das Wetter ist trüb und regnerisch, der Boden durchnässt, teilweise noch mit Resten von Schnee und Eis bedeckt. Aber kommen Sie doch trotzdem mit auf einen Spaziergang, mitten im Aargau. Wie lang er dauern soll? Weiss ich nicht. Ich mag Zeitangaben nicht. Sie hindern einen am genauen Hinschauen, am Verweilen und daran, mit Zufallsbegegnungen das eine oder andere Schwätzchen zu machen. Wenn ich Lust dazu habe, gehe ich schnell. Und wenn ich Lust habe, bleibe ich stehen, genau so lang, wie es mir passt. Immerhin dies: Die Strecke für den heutigen Sonntagsspaziergang von Wildegg bis zum Bad Schinznach misst gerade mal 5 Kilometer. Eine sportliche Höchstleistung haben wir also nicht vor, zumal der Aareuferweg nicht die geringste Steigung aufweist. Also, gehen wir?
Es gibt auf beiden Uferseiten einen schönen Fussweg. Wer will, kann dies als Einladung für eine Rundwanderung auffassen. Wir wählen heute das linke Aareufer. Dort sind mehr Spaziergänger unterwegs, sogar an einem zunächst wenig einladenden Tag wie diesem. Aber Sie wissen ja: Es geht nur darum, die ersten paar Schritte zu machen, und schon offenbart sich einem die Schönheit der Natur. So auch hier. Bei der Querung der Wildegger Aarebrücke fällt die tiefgrüne Farbe des Wassers auf. Sie kontrastiert wunderschön zum Gelbbraun der dürren Grasbüschel am Ufer. Die Aare ist übrigens so gut wie gar nie blau, wie man sie immer malen möchte. Sie ist grün, oliv, beige, braun, silbern und manchmal tiefschwarz, je nach Tageszeit, nach Lichteinfall und nach Wasserstand. Die Aare lebt. Sie verändert nicht nur ihre Farbe, sondern auch ihren Charakter. Manchmal ist sie wild und wütend, heute aber überaus sanft und zahm.
Unterwegs kann man auch bei unfreundlicher Witterung zahlreiche Tiere beobachten. Es müssen ja nicht immer die grossen Seltenheiten sein. Schwarzweisse Reiherenten lassen sich gemächlich treiben, Tafelenten begleiten sie, und Blässhühner sind mit nickenden Bewegungen in Ufernähe auf Futtersuche. Zwei Schwäne tun es ihnen gleich, aber natürlich sehr viel majestätischer und ohne jegliche Aufregung. Und natürlich die Stockenten. Wären sie selten, dann würden wir sie bestimmt wegen ihres Prachtkleides bewundern. Dieses schillernde Grün an Kopf und Hals des Männchens, das leuchtende Blau auf der Seite, und die dezente braune Musterung im Federkleid des Weibchens – alles ist von grösstem ästhetischem Reiz, finden Sie nicht auch?
Wenn Sie übrigens nichts dagegen haben, könnten wir uns als Wanderkameraden ja duzen. Also: Schau dort, auf dem Ast im seichten Aarelauf, haben sich zwei Kormorane niedergelassen. Aufmerksam beobachten sie ihre Umgebung. Und schon haben sie uns bemerkt; sie ziehen ab. Wir sind in einem Uferabschnitt, den regelmässig der Biber aufsucht. Schon vor Jahren hat er hier reihenweise Bäume gefällt. Der Natur hat er damit keinen Schaden zugefügt; die Stämme treiben neu aus, und das verdichtete Unterholz bietet zahlreichen Kleintieren Unterschlupf. Überall lassen sich die Nagespuren beobachten, und sogar vom andern Ufer leuchtet das Hell frisch benagter Stämme herüber.
Ein Ornithologe kommt des Weges. Er berichtet von seinen Vogelzählungen, die er regelmässig an ganz bestimmten Tagen durchführt. „Es lässt sich eine grosse Vielfalt entdecken. Gerade habe ich dort vorne zwei Pfeifenten gesehen. Und im kleinen Seitenkanal schoss ein Eisvogel vorbei.“
Immer wieder Ausblicke auf verschiedene markante Bauwerke: das Schloss Wildegg, die Kirche auf dem Staufberg, das Schloss Wildenstein und die Habsburg. Aber auch einige Industriebauten, zum Beispiel der Steg mit der Förderband-Anlage, die früher Kalksteine von Auenstein und Veltheim zum Brennofen in Holderbank transportierte. Bis vor Kurzem stand der Steg für Fussgänger offen. Jetzt ist er gesperrt. Offenbar ist sein Zustand nicht mehr der beste.
Es geht nur langsam vorwärts. Ich bin froh, dass Du Dich daran nicht störst. Auch kleine Singvögel, verschiedene Meisen oder Buchfinken oder Zaunkönige, sind dankbare Objekte für Beobachtungen. Öfters streichen Eichelhäher und Rabenkrähen über den Weg, einmal auch ein Grünspecht. Dann kommt eine Frau mit ihrem Hund. Wenig später ein Jogger. Alle grüssen freundlich.
Bei der Aarebrücke von Schinznach erscheint der Fluss noch breiter; seine Strömung wird noch langsamer. Er wirkt beinahe wie ein Stausee, und in Tat und Wahrheit ist er das auch, denn schon lässt sich dort vorne rechts die Staumauer mit den beiden Schifffahrt-Signalen erkennen: „Flussabschnitt gesperrt“ auf der rechten Seite und „Diese Fahrtrichtung wählen“ nach links. Auf einem schmalen, bogenförmigen Steg überqueren wir den Oberwasserkanal. Was ist denn da los? Eine Menschengruppe von vielleicht 15 Personen mit ebenso vielen Hunden kommt uns entgegen. Wir bleiben stehen und wechseln ein paar Worte. Es handelt sich um eine Hundeschul-Gruppe aus dem Freiamt, die offenbar vierzehntäglich irgendwo im Aargau gemeinsam auf Spaziergang geht. „Wir müssen mit unseren Hunden ja ohnehin hinaus.“ So kommt auch das gesellschaftliche Leben von Mensch und Tier auf seine Kosten.
Weiter über das Wehr und somit auf das rechte Ufer der sogenannten Alten Aare. Noch ein Jogger, auch er völlig stressfrei unterwegs. Es herrscht eine wahrhaft sonntägliche Atmosphäre, nicht wahr? Auf den kleinen Inseln lassen sich manchmal Biber beobachten. Sie bringen kleine Zweige her und schälen sie genüsslich ab. Die zur Wasseroberfläche hinunterhängenden Zweige der grossen Buchen sind besonders schön. Und das Schilf: Die hohen Stängel bewegen sich kaum merklich. Sie wirken so vornehm, verleihen der Landschaft ein ganz eigenes Gepräge. Und bereits haben wir die prächtige Platanen-Allee erreicht, die zum Bad Schinznach führt. Wer mag hier schon alles promeniert sein? Und mit wem? Und in welchen Absichten? Die Bäume sind hoch und unerhört schön gewachsen. Eine Augenweide auch ihre schuppige Rinde, die wir schon als Kinder gern bearbeitet haben.
Das Bad Schinznach ist erreicht. Fast zwei Stunden haben wir gebraucht. Und nun? Wonach steht Dein Sinn? Wollen wir uns im Restaurant Badstübli stärken? Oder hast Du Lust auf zwei Stunden Badespass in der Aquarena? Oder möchtest Du doch lieber zum Bahnhof und nach Hause fahren? Mir ist es egal; ich bin für alles zu haben.








