Gehe nicht nur die glatten Strassen
Liebe Wanderfreundin, lieber Wanderfreund,
Schön, dass Du Dich wieder zusammen mit mir auf den Weg machen willst. Ich schlage Dir diesmal eine etwas ungewöhnliche Wanderung vor, die uns auf ganz unterschiedliche Wege führen wird: glatte Strassen, Feldwege und teilweise auch quer durch den Wald. Es ist ein Weg in eine sehr weite Vergangenheit, und es ist ein Weg, der Spuren hinterlassen wird – in Dir selbst, in Deinem Innersten.

- Abmarsch in Bremgarten
Es muss nicht sein, dass wir uns für genau die gleiche Route entscheiden, wie ich sie jüngst gewählt habe; wir sind frei, uns spontan auf diese oder jene Variante einzulassen. Das Wandergebiet findest Du im Blatt Wohlen der Landeskarte 1:25'000. Es ist der Raum zwischen Bremgarten, Wohlen und Fischbach-Göslikon. Meistens sind wir übrigens im Wald, sodass sich dieser Ausflug auch bei höheren Temperaturen anbietet.
Ich habe von einer weiten Vergangenheit gesprochen. Der Hügelzug zwischen Bremgarten und Wohlen – ein Moränenhügel – ist tatsächlich ein Zeuge aus der Eiszeit, als diese Gegend von mächtigen Gletschern bedeckt war. Davon könnten all die vielen Findlinge erzählen, denen wir hier überall begegnen. Aber auch die urtümlich anmutenden Moorgebiete haben ihren Ursprung in der Eiszeit.

- Torbemoos
Doch der Reihe nach. Ich habe in Bremgarten parkiert. Am linken Ufer, gleich bei der alten Holzbrücke, befindet sich ein grosser Parkplatz, den man sonntags sogar ohne Parkgebühr benutzen darf. Als erstes Zwischenziel habe ich das Foremoos ausgewählt, im Wald südwestlich von Bremgarten gelegen und in nicht einmal einer halben Stunde zu erreichen. Schon hier fasziniert die bei uns nur noch selten anzutreffende Moor-Vegetation. Dazu gehört vor allem das typische Torfmoos (Sphagnum), das enorme Mengen von Wasser aufnehmen kann. Faszinierend sind aber auch die umgestürzten Bäume, die wegen der speziellen chemischen Zusammensetzung der Moorböden und –gewässer kaum verfallen, wenn sie im Wasser liegen. Kein Wunder, gibt es so viele Sagen, die in moorigen Gebieten spielen. Ich möchte mir Zeit nehmen zum Beobachten und um diese prächtige Pflanzenwelt in mich aufzunehmen. Eilen darf man hier nicht.

- Beim Tierpark Waltenschwil
Es sind nun nur ein paar Schritte bis zum Tierpark, am Waldrand von Waltenschwil gelegen. Den Damhirschen steht hier ein sehr grosses umzäuntes Gelände zur Verfügung. Einige der Tiere sind recht zahm und nähern sich neugierig, um die Besucher zu betrachten.
Weiter auf einem der Waldwege Richtung Nordosten kommen wir unweigerlich zum Cholmoos oder zum Torbemoos: Wieder zwei Feuchtgebiete von unerhörtem ästhetischem Reiz. Es ist nicht leicht, der Versuchung zu widerstehen, barfuss ein Stück weit ins Moor einzudringen. Wir würden damit jedoch erhebliche Schäden an diesem sensiblen Biotop anrichten, und so wollen wir es lassen. Gewiss kommt aber der Fotoapparat ausgiebig zum Einsatz. Auf Schritt und Tritt bieten sich dem Natur- und Wanderfreund speziell schöne Motive. Dazu gehören auch die enormen Findlinge, die Mahnmalen gleich an die Zeit erinnern, als Gletscher sie aus dem Alpenraum hertransportierten. Die merkwürdigsten von ihnen tragen Namen: der Bettlerstein und der Erdmannlistein. Es wird gesagt, dass sich die geheimnisvollen kleinen Erdmannli zeigen, wenn es gelingt, dreimal ohne zu atmen um den Stein zu rennen. Warum nicht einen Versuch wagen? Feuerstellen laden zum Verweilen, und gewiss verspüren besonders die Kinder Lust, die Steine zu erklettern – gar nicht so einfach!
Wir sind hier auch schon mehreren Tafeln begegnet, Stationen des von der katholischen Pfarrei Wohlen angelegten Meditationsweges. Im Rahmen der Feierlichkeiten 200 Jahre Pfarrkirche St. Leonhard Wohlen im Jahre 2008 ist dieser Meditationsweg im Gebiet Cholmoos / Torbemoos entstanden. Sieben thematisch gestaltete Stationen mit Kurztexten und Gedankenanstössen laden zum Nachdenken und zum Verweilen ein.
Sind wir zu lange verweilt? Nein, gewiss nicht. Wer beim Wandern eilt, beraubt sich vieler schöner Eindrücke, die doch zum Wesentlichsten dieser Fortbewegungsart gehören. Wir kreuzen nun die Bahntrasse und die Hauptstrasse, die beide Bremgarten und Wohlen miteinender verbinden, und erreichen fünf Minuten später das Fischbacher Moos, von den Einheimischen „Mösli“ genannt. Der alte Torfstich ist ein weiterer wunderbarer Ort, der zur Rast einlädt und dazu, die Vollkommenheit der Natur zu bewundern. Im Sommer darf man hier baden, und wenn Du Lust hast, können wir das „Mösli“ auf einem schmalen Fussweg umwandern. Aber vielleicht lassen wirs und verzichten darauf, die Gruppe Jugendlicher, die Familie und das Liebespaar zu stören, die sich in je einer der kleinen Einbuchtungen niedergelassen haben.
Nun wandern wir ostwärts nach Fischbach-Göslikon, durchqueren die Ortschaft und suchen den direkten Weg zur Reuss hinunter. Oder möchtest Du der katholischen Kirche einen Besuch abstatten? Der kleine Umweg würde sich schon lohnen. Im Internet schreibt die Gemeinde dazu einen recht schwärmerischen Text:

- Kanufahrer auf der Reuss
Die 1672 als Kastenbau erstellte Kirche ist durch die Renovation von 1757- 1760 in einen festlichen Saal verwandelt worden, der mit seinem köstlichen Interieur den Besucher entzückt. Über das weite, von rot-grauen Stuckpalistern gegliederte Schiff spannt sich ein reich dekorierte Gipsdecke, die Altar- und Laienraum gleichmässig zusammenfasst. Ein Bijou ist der Deckenschmuck, wie die Stuckaturen mit den von Franz Anton Rebsamen gestalteten Fresken gleichsam Zwiesprache halten. Die zentrale Darstellung des Deckenspiegels – die Himmelfahrt Mariens – ist in ein Hochoval komponiert und besticht durch die Vielfalt der darin enthaltenen Motive.
So, jetzt aber zur Reuss hinunter! Wir kommen am toten Flussarm vorbei und erreichen das Ufer des Flusses mit seinen markanten Windungen. Die Landkarte kannst Du nun versorgen; verirren werden wir uns hier ganz gewiss nicht mehr. Auf diesem letzten Wegstück, das sich noch recht weit bis nach Bremgarten zurück hinzieht, begegnen wir vielen Sonntagsausflüglern: Spaziergänger, Jogger, Radfahrer, Hündeler, Fischer, Picknicker, Bootsfahrer – alle geniessen das Leben auf ihre Art. Ein Gruss und ein Lächeln liegen überall drin, und viele der Ausflügler sind für einen kleinen Schwatz zu haben.

- Ankunft in Bremgarten
Nun bleibt noch die Altstadt von Bremgarten, ein wahres Bijou mit vielen verträumten Ecken und historischen Reminiszenzen. Auch hier Fotosujets noch und noch. Vielleicht noch ein Käfeli oder ein Mineralwasser? Über die gedeckte Holzbrücke, deren Ursprünge auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück geht, erreichen wir wieder den Startort unserer Rundwanderung.
So, und da ist auch wieder unser Auto. Offen gestanden bin ich etwas müde geworden. Aber ich bin auch stolz, dass wir für die ungefähr 14 Kilometer ganze 8 Stunden gebraucht haben, obwohl sie in weniger als der Hälfte dieser Zeit leicht zu bewältigen wären. Ein wahrhaft deutliches Zeichen für den Reiz dieser Landschaft! Danke, dass Du mitgekommen bist. Es war schön, mit Dir zusammen unterwegs zu sein und – Spuren zu hinterlassen.






