Eine Wanderung in die Vergangenheit

Es sind schon einige Wochen verstrichen seit unserem letzten Spaziergang. Diesmal schlage ich dir eine Route im südlichsten Zipfel des Kantons vor, einen Rundkurs westlich von Sins. Hast du Lust? Komm, wir gehen!

Klicken Sie auf die Karte, um die Wanderroute von Peter Belart zu verfolgen.

Ich möchte dich aber gleich warnen: Unser Weg führt kaum durch unberührte Landstriche, sondern in locker besiedeltes Gebiet mit Dörfern, Weilern und Einzelhöfen, durchzogen von diversen Stromleitungen und Verbindungsstrassen. - Und warum auch nicht? Hier wird gelebt, und die Menschen in diesen Streusiedlungen wollen von den modernen Annehmlichkeiten ebenso profitieren wie du und ich. Doch trotz der Präsenz von Verkehr, elektrischem Strom und Asphalt richtet sich der Blick auf diesem ganzen Spaziergang auch in die Vergangenheit, in Zeiten, als das Leben noch völlig anderen Gesetzmässigkeiten folgte als es dies heute tut. Mir gefällt der Umstand, dass wir in der Gegenwart wandernd die Vergangenheit erleben können. Immer wieder werden wir die Aussicht in die Ferne geniessen, im wörtlichen und im übertragenen Sinne des Wortes.

Vielerorts trifft man hier auf herzige kleine Kapellen, Zeugen einer tiefen Frömmigkeit in früheren Jahren.

Die Stadt, die nicht mehr ist

Vom Zentrum Sins beginnen wir unsere Wanderung in Richtung der Dorfkirche mit ihrem hohen, ungewöhnlich spitz nach oben weisenden Turm. Sogleich fallen uns die braunen Wegweiser des Freiämterweges auf, einer mit grösster Sorgfalt angelegten „Fernwanderung“ von insgesamt 180 Kilometern, die auf einer Tal-, einer Berg- und einer Ostroute das ganze Freiamt und seine augenfälligen Sehenswürdigkeiten erleben lässt. An besonders markanten Punkten und Örtlichkeiten geben Informationstafeln Auskunft über alles, was den Wanderer hier interessieren mag. – Heute werden wir immer wieder auf die braunen Markierungen stossen, so auch hier bei der Kirche und dem imposanten, überaus wohlproportionierten historischen Gemeindehaus unmittelbar daneben. Weltliche und kirchliche Zentren als Nachbarn – gewollte oder zufällige Symbolik?

Ein kurzer Besuch in der Kirche offenbart die reiche Ausstattung des Raumes. Gleich wie später auch in Auw und in Abtwil staunen wir ob der Fülle an Bildern, Fresken und weiteren schmückenden Elementen, die sogar hier, in diesen Dörfern mit ihrer doch geringen Einwohnerzahl, anzutreffen ist. Der Religion kam im Freiamt offensichtlich eine überragende Bedeutung zu, und die sorgsame Pflege der Kirchen und ihrer Innenausstattung verrät, dass die religiösen Traditionen nach wie vor einen hohen Stellenwert haben.

Durch neue Wohnquartiere steigt der Weg sanft an und fällt dann wieder etwas ab zur Hauptstrasse, die westwärts aus Sins hinaus führt. Nun folgen wir einem Wegweiser nach rechts und erreichen nach wenigen hundert Metern den Weiler Meienberg. Oben auf dem Hügel steht als Zeuge aus einer andern Zeit eine kleine Häuserzeile. Sie erinnert an die Tatsache, dass hier vor rund 800 Jahren ein habsburgisches Städtchen gegründet wurde, von dem sonst so gut wie gar nichts mehr geblieben ist. Welch faszinierender Gedanke: Genau da, wo wir jetzt stehen, existierte im Mittelalter ein Städtchen – überdauert hat so gut wie nichts davon! Besetzt, niedergebrannt und aufgegeben schon im 14. Jahrhundert. Manch ein Detail der alten Gebäude weist in eine weite Vergangenheit: urtümlich anmutendes Mauerwerk, verwitterte Balken, kaum mehr zu entziffernde Wortfragmente an der Mauer, eine seltsam spitzbogige Haustüre, die Butzenscheiben, von denen viele zerbrochen sind, und die Läden mit ihrem verblassten Anstrich.

Weiher und Moorgebiet im Brandwald.

Begegnung mit der Heiligen

Weiter geht der Weg in Richtung Auw durch eine beinahe ebene, weite Landschaft mit Äckern und Weiden. Hier ist der Himmel gross. War dieser Umstand wohl von Bedeutung für das Mädchen, das Mitte des 19. Jahrhunderts in Auw aufgewachsen ist? Maria Bernarda Bütler wurde 1869 zur Klosterfrau ordiniert; sie wirkte ab 1888 in Ecuador und Kolumbien, wo sie 1924 verstarb. Durch ihre Seligsprechung 1995 und durch die Heiligsprechung 2008 kam Auw zu unverhoffter Bedeutung. Mehrere Einrichtungen erinnern an die fromme Frau und ihr Wirken, so eine Gedenktafel am Geburtshaus Maria Bernardas, ein Besinnungsweg („Er soll mit bewegten und bewegenden Symbolen zur Besinnung anregen.“) sowie ein grosses Porträt samt Reliquienschrein in der Kirche.

In Auw treffen wir wieder auf den Freiämterweg, der in westlicher Richtung bergwärts führt. Noch mehr Zeichen von Frömmigkeit: Über einigen Stalltüren sind Bilder des „guten Hirten“ angebracht, einige davon allerdings schon arg mitgenommen und verblasst. Ob sie ihre Wirkung wohl noch tun? Weiter oben eine kleine Siedlung jüngeren Datums mit zum Teil feudalen Einfamilienhäusern. Die Aussicht hinunter ins Reusstal und weiter zu langen Hügel- und Bergketten, welche die ganze Szenerie umrahmen, ist prächtig. Welch Privileg ist es doch, eine derart schöne Heimat zu durchwandern und darin leben zu dürfen!

Die Natur lässt Frühlingsgefühle aufkommen.

Was geschah in Wund?

Im weiteren Verlauf der Wanderung – immer dem Freiämterweg südwärts folgend – überqueren wir mehrmals kleine Bäche, die nach dem Regen der letzten Tage recht viel Wasser führen. Im Weiler Holderstock haben wir den höchsten Punkt unserer Tour erreicht. Holderstock: Siedlungs- und Flurnamen können ungemein fantasieanregend sein. „Chrümpele“ lese ich auf der Landkarte, „Galgerai“, „Chlingel“ und „Leebern“.

Im Restaurant zum weissen Kreuz in Abtwil genehmigen wir uns einen Imbiss. Die Portionen scheinen für Schwerstarbeiter gerade richtig zu sein; wir sind mit diesen Dimensionen ziemlich überfordert. Aber es schmeckt! Der Schwatz mit einem jungen Mitglied der Musikgesellschaft lässt etwas vom Dorfleben und vom dörflichen Zusammenhalt erahnen. Sauber herausgeputzt präsentiert sich der Ortskern, der durch eine wiederum reich geschmückte Kirche und einige behäbige Freiämterhäuser gebildet wird.

Nordöstlich von Abtwil kommen wir durch „Fang“, „Wund“ und „Brand“. Was ums Himmels Willen verbirgt sich hinter solchen Namen? Ein schon etwas älterer Mann schichtet hinter seiner Remise Holzspälten zu einer Beige auf. „Wer weiss?“, mutmasst er, „vielleicht haben diese Bezeichnungen ja etwas mit früheren kriegerischen Geschehnissen zu tun? - Wer weiss?“ Er wiegt den Kopf mit einem kleinen Lächeln und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Der Hausherr vom „Wundhof“ weiss auch nichts Genaueres. Jedenfalls aber scheint er sich hier sehr wohl zu fühlen, und seine Tochter, die ebenfalls die wunderlichen Spaziergänger beäugt, strahlt genau wie der Vater.

Natur und Mensch

Wir sind am Waldrand angekommen. „Brandwald“ heisst es hier. Schon zu Hause, bei der Vorbereitung der heutigen Tour, haben wir uns vorgenommen, hier noch das in der Karte eingezeichnete Feuchtgebiet aufzusuchen. Es erweist sich als ungemein reizvolles Biotop, teilweise noch eisbedeckt, ein längliches Tümpel- und Sumpfgebiet. Allerdings wird es rücksichtslos bedrängt von einer unschönen Bauschutt-Ablagerung. Und von weiter vorne wird die Stille von Motorengebrüll durchsäbelt. Eine gewaltige Häckselmaschine frisst Zweige, dicke Äste und ganze Baumstämme in sich hinein und zerkleinert sich in kürzester Zeit zu Holzschnitzeln, die in den bereit stehenden Ladewagen gepustet werden.

Nach ungefähr 200 Metern erreichen wir einen Reitplatz, der heute allerdings etwas ausgestorben wirkt. Wir wenden uns nach rechts und erreichen nach einem weiteren Kilometer das Zentrum von Sins und somit den Ort, wo wir aufgebrochen sind.

Knappe 15 Kilometer haben wir zurückgelegt und dabei etwa 200 Höhenmeter überwunden. Distanzen sind das Eine – ebenso erwähnenswert erscheinen mir aber die gedanklichen Anregungen, die wir aus der Begegnung mit dieser Gegend geschöpft haben. Und die Unmittelbarkeit, mit der sich uns ihre Vergangenheit offenbart hat. Die Schuhe sind zwar schmutzig geworden und die Glieder etwas müde, aber die Fantasie ist angeregt!

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