Den Aargauer Jura erleben
Für Wanderfreunde ist die Postauto-Linie Aarau-Staffelegg-Frick einfach Gold wert. Wer oben auf der Staffelegg aussteigt, kann sich buchstäblich nach allen Seiten wenden, und überall warten herrliche Gegenden darauf, entdeckt zu werden. Sehr gut unterhaltene Wanderwege helfen jenen, die aufs Kartenlesen verzichten wollen. Aarau, Brugg, Wildegg, Lenzburg, der Hauenstein oder Frick: Die Wahl fällt schwer.
Heute sind hohe Temperaturen angesagt, und so schlage ich Dir eine Route vor, die mehrheitlich durch schattige Wälder führt. Dabei nehme ich gerne in Kauf, dass das erste Stück in Richtung Herzberg auf geteertem Strässchen zurückgelegt werden muss. Die Beinmuskulatur wird aktiviert, und schon bald weisen die gelben Wanderweg-Markierungen nach links auf einen Schotterweg. Die ersten Ausblicke eröffnen sich, zunächst in die typisch coupierte Juralandschaft mit ihren Waldstücken, Baumgruppen und Einzelbäumen, die hier wunderschön artentypisch ausgewachsen sind, dann aber auch hinunter nach Aarau. Auf den Weiden haben sich Kühe niedergelassen, die wir nicht im Geringsten beunruhigen. Der Weg senkt sich und steigt auf einer kurzen Strecke ruppig an, und schon sind wir beim Volksbildungsheim Herzberg.
Es ist noch zeitig am Sonntagmorgen, und so treffen wir auch hier kaum jemanden an. Unmittelbar links neben den Gebäuden führt ein schmaler Fussweg in den Wald hinein und sogleich in einem ausgetrockneten Bachbett recht steil zwischen dem Herzberg und dem Mittlisberg abwärts. Wir erreichen eine gut ausgebaute Waldstrasse und gehen links auf ihr weiter. Die Qualität des Weges nimmt allerdings schnell ab, besonders, nachdem wir uns bei einem weiteren Bachbett nach rechts gewendet haben und nun die Stockmatt und den Strihen anvisieren. Ein seltsamer Name für einen Berg! Nicht einmal dessen Aussprache ist einheitlich: „Strie“ hört man und „Strihe“ und zuweilen sogar „Striche“. Sein Sendeturm mit den schüsselartigen Antennen ist aus allen Richtungen von weither zu erkennen und kann so als Orientierungshilfe dienen.
Auf der Brandisweid wenden wir uns nach rechts, Richtung Osten. Wir verzichten darauf, die Anhöhe des Berges zu besteigen und umgehen ihn über seinen Ostausläufer. Es ist eine wilde Gegend da oben, mit Felsen, Senken, Durchbrüchen, ruppig ansteigenden Wänden. Der Weg aber ist angenehm und gut unterhalten. Sanft führt er uns abwärts. Viele prächtige Waldblüten stehen am Wegrand, Geissbart vor allem, aber auch der bescheidene Storchenschnabel und da und dort noch eine Akelei. Niemals wird es gelingen, all die Düfte des Waldes auch nur annähernd zu beschreiben, das schwere Süss des Holunders, die wohltuend feucht riechende Luft im tief schattigen Weglein, der würzige Viehgeruch von den Weiden und die leicht harzige Wärme, die wir in den Waldlichtungen einatmen. Schliesslich erreichen wir die Strihenhöfe und damit den Übergang von Densbüren nach Wölflinswil, den wir hier queren. Ganz besonders schön ist das kurze Wegstück am Waldrand der Egg entlang Richtung Westen. Der Blick geht zurück zum Strihen mit seiner durch die beiden Berghöhen und den dazwischen liegenden Sattel charakteristischen Form.
An der Waldecke kommen wir an einem Wegkreuz vorbei mit der Jahreszahl 1904. Es wurde aus dem in dieser Gegend vielfach auftretenden gelben Sandstein hergestellt, den man auch für Torbögen, Fenstergewände und andere Bauelemente alter Bauernhäuser verwendet hat. Neben dem Kreuz befindet sich eine Sitzbank, und wir nutzen die Gelegenheit für eine kurze Rast. Warum nicht einen Moment nachdenken über die Bedeutung dieses Kreuzes, das uns an die Endlichkeit unseres Daseins erinnern will? Vielleicht nehmen wir bei dieser Erkenntnis die Schönheiten der Landschaft und der ganzen Natur noch intensiver und bewusster wahr.
Wir haben nur noch eine relativ kurze Wegstrecke vor uns. Zuerst genau in nördlicher Richtung dem Waldrand entlang, dann nach rechts, direkt in Richtung Herznach. Grosse, schön gepflegte Bauernhöfe ziehen hier die Aufmerksamkeit auf sich, und auf der gegenüberliegenden Talseite stehen Reben. Und da taucht links unten der alte Siloturm auf, ein Zeitdokument, das im Aargau nicht seinesgleichen hat. Während dreissig Jahren, von 1937-1967, wurde hier Eisenerz abgebaut. Mit Rollwagen wurde das rostrote Gestein aus dem Haupt- und dem Kornbergstollen gekarrt, über eine Rampe zum Siloturm geführt und dort hineingekippt. 1000 Tonnen Gestein fasste der Turm! Mit einer Seilbahn wurde das Erz weiter zur Bahnstation Frick geführt und zur Verhüttung ins Ruhrgebiet und nach Choindez bei Moutier. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Immerhin weist neben dem Siloturm noch der Eingang zum Hauptstollen auf die Bergbau-Vergangenheit hin, während der Zugang zum Kornbergstollen kaum noch zu finden ist; alles ist hier überwuchert. Einzelne Abschnitte der früheren Grubenbahn werden aber wieder ausgebaut und für touristische Zwecke genutzt, und es gibt Bestrebungen, auch den Hauptstollen auf einer Länge von ungefähr 75 Metern wieder zugänglich zu machen.
Übrigens holten die Bergleute hier nicht nur Erzbrocken aus dem Berg, sondern auch tadellos erhaltene, zum Teil sehr grosse Versteinerungen. Und am Sonntag suchten wir mit dem Vater die Steinschutt-Halden ab und kamen dort erstmals in Berührung mit jener Zeit, als sich vor 150 Millionen Jahren hier ein Meer ausdehnte und uns seine Zeugen in Form von Ammoniten, Muscheln und Belemniten hinterliess.
Hast Du noch Lust, das sehr gut unterhaltene Kirchen-Ensemble zu besuchen mit seinem festungsartig ummauerten Friedhof und der Remise, in der die alte Kutsche steht, mit der früher die Toten abgeholt wurden? Und willst Du einen Blick auf den Pestsarg mit seinem aufklappbaren Boden werfen, der ebenfalls hier gehütet wird?
Die Wanderung hat länger gedauert, als ich es mir vorgestellt hatte. Fast drei Stunden waren wir nun unterwegs, sind allerdings auch ein paar Mal stehen geblieben und haben uns über die Schönheit dieser Gegend gefreut. Wer sich für solche Betrachtungen nicht ausgiebig Zeit nehmen will, verpasst das Wesentliche am Wandervergnügen.








