Dem Himmel ganz nahe

Die Wettervorhersage ist nicht gerade prächtig. Aber was solls! Komm, wir gehen einfach mal los und schauen, wie sich die Dinge entwickeln. Hast du Lust?

Die Synagoge von Lengnau.

Wir fahren heute ins Surbtal, nach Lengnau. Im Dorfzentrum gibt es genügend Parkplätze, wo wir das Auto ein paar Stunden stehen lassen können. Schon beim Aussteigen wird klar, dass wir hier an einem ganz besonderen Ort sind. Vis-à-vis steht die in warmen Farben gehaltene Synagoge, die daran erinnert, dass diese Gegend eine jüdische Tradition kennt. Lengnau und Endingen, die beiden aargauischen „Judendörfer“: Sie zu erkunden, wäre allein schon einen Ausflug wert. Beim genauen Hinschauen entdecken wir alte Gebäude, die eng mit jüdischen Traditionen verbunden sind: das rituelle Tauchbad, die Matzenbäckerei und verschiedene jüdische Wohnhäuser, einige davon leicht erkennbar durch zwei nebeneinander angeordnete Haustüren. Durch die eine betraten die Juden, durch die andere die Christen das Haus – Bauzeugen aus einer Zeit, als die jüdische Bevölkerung strengen Restriktionen unterworfen war. Von Niederlassungsfreiheit war für Menschen mit jüdischem Glauben währen Jahrhunderten keine Rede. Tempi passati – zum Glück! 

Immer dem Wanderweg folgend, verlassen wir Lengnau in nordöstlicher Richtung. Zuerst durch ein am Hang angelegtes Wohnquartier mit schön gepflegten Einfamilienhäusern und Gärten, dann durch Weid- und Ackerland steigen wir auf einem zunächst noch geteerten Strässchen zum Wald hinauf. Wir begegnen immer wieder Menschen, die es wie uns an diesem recht milden Sonntagmorgen ins Freie gezogen hat: Jogger, Wanderer, Hündeler, Walker, Reiter, Spaziergänger. Männer, Frauen und Kinder geniessen die frische Luft und die Freiheit, das zu tun, was ihnen am meisten Freude macht.

Schon fast auf der Höhe oben wenden wir uns am Waldrand nach rechts. Ein Feldweg führt zum Weiler „Himmelrich“, und wir können der Versuchung nicht widerstehen, wenigstens hieniden einen Besuch im Himmelreich zu machen. Doch seltsam: Das Himmelreich entpuppt sich als wenig aufregender
Ort mit ein paar Häusern landwirtschaftlicher Prägung, zwei parkierten Autos, einem Brunnen, einigen Gartenzwergen, einem monumentalen Ziegenbock und einer Katze, die wie der Blitz das Weite sucht. Sieht so das Himmelreich aus? Oder soll uns dieser Weiler darauf aufmerksam machen, dass das Himmelreich viel näher ist, als wir oftmals glauben? Müssen wir gar nicht so weit suchen, sondern nur die Augen und das Herz öffnen? – Beim Wandern kann man die Gedanken so wunderbar schweifen lassen!

Es wird Herbst.

Auf einem schmalen Fussweg, der leicht zu übersehen ist, gehen wir nordwärts in den Wald hinein. Unterdessen ist die Sonne durchgebrochen. Sie vergoldet den herbstlich gelben Farn, sie lässt das rote Brombeerblatt aufglühen, und die zwischen die Bäume eindringenden Strahlen verleihen dem Wald etwas Märchenhaftes. Wir gehen wiederum nach rechts und riskieren nochmals einen kleinen Umweg von ein paar hundert Metern, denn wir statten den Schneisinger Alpenrosen noch einen kurzen Besuch ab. Sie blühen zwar nicht, und der etwa zwei Meter hohe Maschendrahtzaun, der sie schützen soll, trägt nichts zur Schönheit des Platzes bei. Aber der Umstand, dass diese Hochgebirgspflanze hier im Unterland gedeiht – nur hier! -, macht diesen Ort zu einem Anziehungspunkt: Wurden die Pflanzensamen durch Tiere eingeschleppt? Wurden sie in der Eiszeit hertransportiert? Oder hat jene alte Sage etwas Wahres an sich, nach der zwei Waisenkinder aus der Innerschweiz hier beerdigt wurden und man ihnen Erde aus der Bergwelt ihrer angestammten Heimat ins Grab legte? - Die Sitzbänke sind verlassen. Moos bedeckt den Waldboden.

Jetzt aber rechtsumkehrt und immer in der Nähe des Waldrandes Richtung Nordwesten. Wir sind wieder auf einem Wanderweg. Der Weg ist gut; wir kommen zügig vorwärts. Schliesslich erreichen wir Ober-Baldingen. Wieder treffen wir auf schmucke Häuser, auf ein paar weidende Pferde und auf die Melodie von Kuhglocken. Ganz nahe visieren wir eine flache Erhöhung an, die Spornegg. Von hier aus hat man eine besonders schöne Rundsicht in eine Welt mit sanften Hügeln und klein strukturierter Vegetation, eine Welt, die von ausgedehnten Wäldern bestimmt ist. Nicht nur dort in der Ferne, im Schwarzwald, sondern auch ganz nahe, in der Umgebung des Dörfchens Böbikon oder auf der entgegengesetzten Seite, wo der Blick bis zum Villiger Geissberg geht, bis zum Zeiher Homberg und weiter zum Asper Strihen: Wälder, Wälder, Wälder. Und über allem ein schier unendlich weiter Himmel, der nun mit zum Teil hell beschienenen, zum Teil dunkel drohenden Wolkenfeldern überzogen ist. Die sonnigen Flecken in der Landschaft machen sich rar.

Die Lese steht unmittelbar bevor.

Wir wählen das sanft abfallende Strässchen zum Punkt 499 „Breiten“, und nach wenigen hundert Metern westwärts durch den Wald stehen wir oberhalb der Rebberge von Tegerfelden. Prall hängen die Trauben noch im Stock; die Lese steht unmittelbar bevor. Dort unten im Dorf ein Festzelt: Die Menschen kommen zusammen, essen, trinken. Alphornklänge konkurrieren das Motorengebrumm der Autos. Einen Moment bleiben wir noch stehen, bevor wir ins Dorf absteigen. Dort nimmt uns schliesslich das Postauto auf und führt uns in zehn Minuten wieder nach Lengnau zurück. - Oder hättest du Lust, dir noch den israelitischen Friedhof anzuschauen, der, zwischen Endingen und Lengnau gelegen, zum Verweilen einlädt und zum Nachdenken über die Vergänglichkeit alles Irdischen?

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