Allein mit dir selbst und der Natur - Wanderkarte
Text/Fotos: Peter Belart
Wie oft schon haben wir kritische Stimmen vernommen zum Siedlungsbrei, der im Aargau anzutreffen ist! Wer unseren Kanton aber allein aufgrund solch einseitiger Eindrücke abqualifiziert, hat niemals die südländisch anmutende Kargheit des Juras erlebt, die meditative Schönheit unserer Flusslandschaften oder den Reiz einer nur von einigen Weilern und Einzelhöfen geprägten Region, in der man stundenlang durch Wälder, Wiesen und Weiden wandern kann - wie hier, im südwestlichen Teil des Bezirks Kulm.
Auf dieser Wanderung werden wir kaum jemanden antreffen. Am Sonntag vielleicht, aber unter der Woche? – Nein. Sie bietet uns jedoch Gelegenheit, weite Aussichten ebenso zu bestaunen wie die kleinen Schönheiten am Wegrand – und dabei unseren eigenen Gedanken nachzuhängen. Was könnte einen Wandertag wertvoller machen?
Vom Bahnhof Schöftland aus nehmen wir das Postauto – es fährt am Morgen immer zur ganzen Stunde – und lassen uns nach Walde zur Haltestelle «Bank» chauffieren. Nun ist eine Entscheidung fällig: Willst du die etwa 5 Kilometer kürzere Variante wählen und dich gleich südwärts wenden, den Bach «Ruedere» oder «Ruederche» überschreiten und zu den Weilern «Schlatt» und «Chare» hochsteigen? Oder ziehst du doch die etwas längere Variante vor? – Wir haben ja Zeit und gehen deshalb an der Raiffeisenbank vorbei und gewinnen in einem weiten Bogen nördlich von Walde an Höhe. Kurz vor dem Weiler «Hasel» zweigen wir rechts ab, betreten nach wenigen Schritten den Wald und kommen schliesslich zum «Bründlichrüz», wo ein schmuckes Waldhaus mit Feuerstelle zum Verweilen einlädt. Wieder zweigen wir nach rechts ab und streben immer durch den Wald, vorbei an «Gross Chrüz», den Höfen von «Rehhag» zu.
Unterwegs nehmen wir die Waldlandschaft in uns auf. Diese lotrecht hochgewachsenen Nadelbäume, darunter eine ganze Anzahl prächtige Douglasien von beträchtlichem Umfang. Teilweise ist der Waldboden überwachsen mit Brombeeren und anderen niederen Pflanzen, ein dichter grüner Teppich; teilweise stehen die Bäume aber so nahe und bilden ein derart engmaschiges Dach, dass kaum Licht durchzudringen vermag, und entsprechend dürftig ist die Krautschicht. Ohne Licht und ohne Heiterkeit hat es das Leben schwer: Ein Gedanke, dem wir ein wenig nachhängen, bis uns in Rehhag kräftiges Geschrei aus einer Voliere begrüsst. Papageien mit einem prachtvollen, vielfarbigen Gefieder scheinen sich über die Abwechslung zu freuen.
Nachdem wir den Schiltwald durchquert haben, empfangen uns beim «Schweikhof» wiederum neugierige Tiere. Diesmal sind es Lamas, die uns lange und nachdenklich mit ihren wunderschön grossen, schwarzen Augen unter den sanft anmutenden, langen Wimpern mustern.

- Ein blühendes Rapsfeld bildet einen markanten Farbtupfer in der Landschaft.
Nun haben wir die Grenze der Kantone Aargau und Luzern erreicht. Mehrere alte Grenzsteine rufen uns das jugendliche Alter unseres Kantons in Erinnerung, denn sie weisen zurück in die Zeit, als hier noch kein souveräner Staat, sondern die Berner Herrschaft das Sagen hatte. Immer und immer wieder ertappen wir uns bei dem Gedanken, die gegenwärtigen Zustände und Regelungen seien in Stein gemeisselt und unumstösslich. Da tut es gut, von solchen Grenzsteinen daran erinnert zu werden, dass nichts, aber auch gar nichts Anspruch auf ewigen Bestand erheben kann. Was heute beinahe als Axiom dargestellt wird, gilt morgen schon nicht mehr und ist vielleicht bereits übermorgen vergessen!
Ein weiter Blick
Wir umgehen die grosse Kiesgrube westlich und erreichen bei der «Nütziweid» wieder die Höhe des Hügelzugs. Übrigens: Ist es nicht seltsam, hier auf dem Hügelrücken auf ein ergiebiges Kiesvorkommen zu stossen? Kies gehört doch untrennbar in die Niederungen einer Flusslandschaft? Schon wieder ein Denkanstoss: Die Wirklichkeit richtet sich nicht nach unseren Vorstellungen, sondern kann auch ganz woanders zu finden sein!

- Unser Wanderweg.
Auf der Nütziweid verweilen wir einen Moment beim kleinen Windkraftwerk – hoch aktuell! – und bei der Sternwarte. Ja, hier sind wir näher am Himmel und zugleich direkter dem Wind ausgesetzt. Ob darin wohl ein innerer Zusammenhang zu sehen ist?
Fast genau in Richtung Norden wandernd, durchqueren wir zunächst ein Waldstück und überqueren beim «Bänkelloch» die Verbindungsstrasse Kirchleerau – Kirchrued. Ein ganz kurzer Anstieg, dann führt uns ein schmales Strässchen in einem weiten Bogen nach «Hinter Nack». Hier sorgt eine grosse Gemüsegärtnerei für artentypische Strukturen auf den Feldern: lange Reihen von Salaten, bläulichem Zwiebelkraut, Kohlrabi und anderem mehr.
Auf einer Sitzbank ruhen wir uns einen Moment aus und geniessen die Sicht in eine weite Ferne. Es erscheint schier unmöglich, dass wir uns hier im Aargau, also in einer der am dichtesten besiedelten Gegenden der Schweiz befinden: In weitem Umkreis ist nichts anderes zu sehen als einige rhythmisch in die Hügellandschaft gesetzte Einzelhöfe und Weiler, mitten im Wies- und Weidland, umstanden von vielen, vielen Obstbäumen. Und vor allem Wälder, Wälder, Wälder. Keine Rede von hässlichen Siedlungswüsten oder Industrieöden, ja, es ist fast gar nichts auszumachen, was das Auge stören würde. – Alles ist eine Frage des Blickwinkels, denken wir. Alles hängt davon ab, ob du dich beim Wandern oder auch sonst im Leben am Reizvollen orientieren oder von Widerwärtigem betrüben lassen willst. Vielleicht entdeckst du auch hier, auf diesem wunderschönen Weg, unerfreuliche Spuren menschlichen Tuns, aber sich davon den Tag trüben lassen? Nein!
Es dauert nun nur noch eine knappe halbe Stunde, bis wir zuerst die Kiesgrube südöstlich von Schöftland und schliesslich das Dorf selber erreichen. «Uf der Ebni» kommen wir noch bei einem höchst merkwürdig geformten erratischen Block vorbei; auch er ein Mahnmal, dass selbst gewaltige Felsbrocken nicht ewig als Fixpunkte betrachtet werden können. Ein paar Kältegrade, etwas gefrorenes Wasser, und schon gerät alles in Bewegung!
Schmuckstücke in Schöftland
Es lohnt sich unbedingt, für Schöftland noch etwas Zeit zu reservieren. Wir werden überrascht von einem unerwartet stattlichen Gebäude, dem ehemaligen Schlossgut, und daneben von einem in seiner Grosszügigkeit passenden Schlosshof. Vom gepflegten Café aus lassen wir das Ensemble auf uns wirken, und wir freuen uns ebenso über die Blumenpracht wie über die Kunstwerke und den feinen Kaffee.

- Weit über 300 Jahre alte Standesscheibe.
Zum Abschluss unseres Ausflugs betreten wir noch die grosszügig dimensionierte Pfarrkirche, die in ihrer schlichten Schönheit beeindruckt. Die alten Standesscheiben und die Glasbilder des Aarauer Künstlers Felix Hoffmann bilden besondere Anziehungspunkte, doch auch der überaus liebevoll gestaltete Blumenschmuck erfreut den Besucher.
Es war ein schöner Tag. Ich danke dir, dass du mich begleitet hast.






